Kolumnen
 

Mai-Kolumne

„Vom Blütenduft überwältigt zu werden, ist eine lustvolle Niederlage.“

                       John Beverly Nichols, englischer Autor, Dramatiker und Komponist



ANFANGEN IM MAI / GARTENARBEIT WIE SIE IM BUCHE STEHT …


- Dahlien setzen
- Unkraut jäten
- Schnecken absammeln oder anderes mit ihnen machen …
- organischen Dünger verteilen

 


UND BEI MIR SO …

Da ist es wieder.
Das pralle Leben.
Was für ein Fest.

Duft … Blüten … Farbe … frisches Grün … draußen sitzen … allerlei Bewegung im Gartenteich … emsig herumflatternde Vögel … erste Libellen …



Aber auch erste Schnecken … erstes Unkraut … erster Rückschnitt von Hecken und Glyzinen etc …

Fröhliches Gärtnern mit neuen Zielen im neuen Gartenjahr.


Dieses Jahr ist eines meiner Gartenziele, Dahlien zum Blühen zu bringen. Hab ich noch nie geschafft. Die Nacktschnecken waren immer schneller. Alles läuft nach Plan, denkt man …, das erste frische Dahliengrün zeigt sich im Sommer und am nächsten Morgen weg … einfach weg … das frische Grün. Nix mehr zu sehen … weggefuttert in einer Nacht. Alle Mühe umsonst.

Nicht so dieses Jahr. Das ist mein Entschluss.


Da mich schon immer die Vielartigkeit und Schönheit von Dahlien begeistert hat und ich natürlich die perfekte Kombi zu unseren Stauden und Gräsern im Garten haben wollte, recherchiere ich erst einmal die unterschiedlichen Sorten. Es gibt Pompon-Dahlien, Seerosen-Dahlien, Halskrausen-Dahlien, Kaktusdahlien, Hirschgeweih-Dahlien etc … Alle Dahliensorten gehören zu der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Ihre ursprüngliche Heimat ist Südamerika und vor allem Mexiko.


In der Allgemeinen Gartenzeitung von 1833 berichten die Herausgeber F. Otto und A. Dietrich, dass sie bereits im Jahre 1800 die erste Georgine (in Skandinavien und Osteuropa noch häufig unter dem Trivialnamen Georgine bekannt) unter dem Namen Dahlie-Lilacina bei dem Hofgärtner Seidel in Dresden sahen. Johann Heinrich Seidel war damals Hofgärtner des Orangerie-Gartens und für seine Pflanzenschätze berühmt. Ich finde es spannend in die geschichtlichen Verzweigungen von begehrenswerten Pflanzen einzutauchen.


Meine Wahl fiel auf die Dahlien namens Hillcrest Suffusion, Taxi Driver, Ben Huston, Ken. Mac.B., Cornel Brons, Kogane Fubuki, Gladiator und Wanda‘s Aurora. Teilweise besitzen die Blüten einen Durchmesser von 20/25 cm. Beeindruckend. Ich bestelle die Dahlienknollen bei einem Dahliengärtner-Familienbetrieb mit 140-jähriger Erfahrung. Das überzeugte mich sofort. Die 140-jährige Erfahrung. Diesmal soll ja alles klappen.


Sorte, Aufzucht, Top-Ergebnis!


Um das Top-Ergebnis zu sichern, kaufe ich bei Manufactum Schneckenringe aus Stahlblech. Wenn man es nicht besser weiß, vermutet man, da hat jemand eine Tortenform im Garten liegen lassen. Aber dieser Schneckenring wird schnell durch das umliegende Grün der direkten Pflanzennachbarschaften unsichtbar werden. Und im Hoch-/ Spätsommer kommt sie dann hoffentlich: die imposante Blütenpracht.



Ich betrachte Pflanzungen mit Dahlien (einjährig!!) wie das Auslegen von Blumenzwiebeln im Herbst (mehrjährig!!). Es ist als wenn man Überraschungen verbuddelt. Tulpen, Allium und andere Frühlingsboten bespielen und schmücken unseren Garten schon viele Jahre. Gerade jetzt in den Monaten April und Mai ein Fest für die Sinne. Und da Überraschungen Neugierde bündeln, gehts gleich mit den Dahlien weiter. In den Hoch-und Spätsommer denken. Und übers ganze Jahr als fester Bestandteil großer Freude und Glücks begleiten uns unsere treuen immer wiederkehrenden Stauden und Gräser. Sie bündeln die Neugierde und Aufmerksamkeit für die Gartenbesitzer- und Freunde durch ihre ständig wechselnden Entwicklungsstadien übers Jahr hinweg.

„Je länger man mit Stauden zu tun hat, desto weniger ist man in Gefahr, sich durch Enttäuschungen entmutigen zu lassen. Enttäuschungen an Stauden beruhen fast immer ‚auf Gleichseitigkeit‘, das heißt, man hat ihnen nicht ihre einfachen Lebensbedingungen erfüllt, oder sie beruhen auf unwirksamer Anwendung, unzureichender Sorteneigenschaften, ungeduldiger, vorschneller Beurteilung. Es gibt kaum eine Staudengattung, an der man nicht gewisse erhebliche Enttäuschungen erleben kann, die uns vollkommen erspart geblieben wären, wenn wir andere, bessere (meist nicht immer neuere) Sorten jener Gattung gepflanzt hätten.“
                    
Karl Foerster


DURCH DIE BLUME GESAGT …

„Gardening is the purest of human pleasures.“
  (
Gärtnern ist das reinste aller menschlichen Vergnügen)

           Francis Bacon, britischer Maler

Herzlichst
Margit Müller-Vorländer




April


„ Sorgt euch nicht um die Zukunft, legt euch besser unter einen Baum, trinkt Wein und ziert das ergrauende Haar mit duftigen Rosen.“


                Horaz, über die Vorliebe der Römer für Rosen

 


ANFANGEN IM APRIL / GARTENARBEIT WIE SIE IM BUCHE STEHT …


- Gartenteich reinigen
- erste Kräuter pflanzen z.B. Petersilie, Schnittlauch etc.
- Nacktschnecken aus dem Garten vertreiben
- Hortensien schwach beschneiden
- Kübelpflanzen auf Terrasse oder Balkon platzieren

 


UND BEI MIR SO …


Gestern begann ich mit meinem Mann, einen Gartenraum zu renovieren und neu zu gestalten. Mittelpunkt dieses Raumes war ein alter, toter Baum, den ich schon vor Jahren von einem Rambler überwuchern ließ. Diese Art der Umgestaltung und des Umfunktionierens beherrschen Gärtner/innen in England besonders gut und besonders leidenschaftlich. Ist ja auch eine brillante Idee, kaputten Obstbäumen auf diese Art und Weise eine neue Identität zu verschaffen. Durch ihr oft weitreichendes Geäst ermöglichen sie Kletterrosen und Ramblern sich weit nach oben zu bewegen um dann an vielen Stellen wieder tief hinab zu fallen. Wenn die Rosen dann blühen, wirkt es wie ein wunderschönes Ballkleid oder ein rauschender mit Duft erfüllter Wasserfall.


Bei uns im Garten durfte sich der wuchsfreudige Rambler Paul Himalayan Musk exponiert ausbreiten. Im Frühsommer zeigte sich diese Rambler-Rose dann von ihrer schönsten Seite. Überfüllt mit duftigen kleinen weißen Blüten.
Ein Traum in Weiß.

Unter diesem Ensemble hatte ich viele schöne Hortensien gepflanzt. Nur leider ist in den vielen Jahren der Rambler dermaßen explodiert, dass nichts anderes mehr Raum fand zum Atmen und Wachsen. Deshalb entschied ich nach diesen vielen schönen Jahren mit der Rose, nun den Hortensien den Raum zu übergeben.

Gedacht. Getan. Gestern also war es dann soweit. Wir fingen mit unserem Vorhaben an. Rosenranken, Efeuranken, vermorschter Baum und ganz viel Muskelkater und Rücken am Abend. Für dieses Projekt werden noch einige arbeitsreiche Gartentage folgen. In diesem dann entstandenen freien Raum bauen wir anschließend ein schönes, großes Ziegelsteinhochbeet gefüllt mit Kräutern und Gemüse. Umringt von all den zurzeit geparkten und ausquartierten Hortensien, welche dann ihren zweiten Frühling erleben werden. Endlich Platz und Licht für all die Schönheiten, die bisher ein unaufgeregtes Schattenleben geführt haben.

Solche neuen Projekte bereiten mir viel Freude. Man erhält auf diese Art und Weise ganz neue Perspektiven im eigenen Garten. Sichtachsen definieren sich neu. Und der eigene Kopf bleibt beweglich.

 


DURCH DIE BLUME GESAGT …

„Wie unbegreiflich blumenarm sind die zart ergrünenden Gärten auch noch im April, während eine Welt unermesslicher Blütenschönheiten auf Einlass wartet.“
  

                            Karl Foerster

Herzlichst
Margit Müller-Vorländer

 


März

„Il faut cultiver notre jardin.”
Wir müssen unseren Garten pflegen.

                                       Voltaire

Durch die – mittlerweile auf der ganzen Welt – besonderen Umstände und fortschreitenden Entwicklungen fühlen sich viele Menschen ausgebremst und verunsichert.

                                                 EINE STILLE ZEIT

Froh, wer einen Garten besitzt.

Oder einen Balkon.

Oder eine Terrasse.



 

ANFANGEN IM MÄRZ/ GARTENARBEIT WIE SIE IM BUCHE STEHT …

- Stauden teilen und pflanzen

- Rosen zurückschneiden

- auf Beeten Kompost oder organischen Dünger einarbeiten

- Rasen vertikutieren
 

UND BEI MIR SO……

In diesen ungewöhnlichen Zeiten können bei mir viele Außentermine mit Gartenkunden nicht stattfinden. In der Verantwortung des vorgeschriebenen Mindestabstands von 1,5 m sind diese 3-stündigen Gartencoachings nicht durchzuführen.

Demzufolge halte ich mich, wie die meisten Menschen zurzeit, viel zuhause auf. Hier kann ich an meinem Schreibtisch sitzen und kontaktfreiJ für Kunden Gärten planen. Oder ich gehe in unseren eigenen Garten und nehme mir Zeit für Mutter Natur. Der Frühling ist eine wunderbare Zeit. Die meisten Pflanzen treiben aus und bilden schließende Teppiche. Wem blühende Landschaften wichtig sind, der hat schon im letzten Herbst dafür gesorgt, dass ein Meer von Zwiebelblumen den Frühling einläutet.

Nach jedem Winter sind diese farbintensiven, frischen Pflanzenbilder Balsam für meine Seele.

Und so fällt es mir in den heutigen Zeiten gar nicht schwer auf Theater, Kino, essen gehen, gesellig sein etc. zu verzichten. Wer mich kennt, kennt auch meine Begeisterung für all diese kulturellen Orte. Aber: mir fehlt gerade Nichts. Einen Garten zu besitzen heißt für mich, das Paradies und das ganz eigene Naherholungsgebiet direkt vor der Tür zu haben.

Hier kann ich mich auch in Corona-Zeiten frei bewegen. In Kontakt gehen mit dem Boden und den Pflanzen. Mich erden. Und Ruhe und Muße im Garten als großes Glück begreifen.

Zeit auf sich selbst zu achten.

Ganz unbeirrt von dem großen Stressthema Virus lässt uns die Natur Aufbruch, Kraft, Entwicklung und Veränderung spüren. Sehr heilsam, tröstend und Freude spendend.

Heute werde ich zum gärtnern noch in unseren Vorgarten gehen. Ich teile mir Gartenzeiten immer nach Räumen auf. So bekomme ich nie das Gefühl, etwas nicht zu schaffen. Da ich nicht an allen Ecken gleichzeitig anfange. Das ist auch etwas, das ich meinen Kunden gerne mit auf den Weg gebe: Garten ist nie fertig. Soll er auch nicht sein. Dann stoppt ja der Pioniergeist und die Neugierde. Garten ist immer in Bewegung und in Veränderung. Er ist ein von Menschenhand geformter und gestalteter Ort. Wir führen hier Regie und haben die tolle Aufgabe uns zu überlegen was wir eigentlich wollen.



In unserem Vorgarten habe ich mich für ein Zusammenspiel von wunderbaren riesenhohen Steppenkerzen (Eremurus) und niedrigen Gräsern u.a. Perlgras (Melica) mit Bärenfellgras (Festuca scoparia), Japanwaldgras (Hakonechloa), Thymian, und Römische Kamille (Chamaemelum nobile) etc. entschieden. Eingebettet in Kies. Also der Kontrast zwischen Himmelsstürmer und Bodenschmeichler. Und da man ja eine vorhandene Fläche doppelt und dreifach denken kann, steht da zurzeit ein Meer an Tulpen, Hyazinthen etc….

Meinem Leitspruch zufolge: nicht kleckern sondern klotzen … habe ich vor ein paar Tagen noch ein Duzend von der zauberhaften römischen Kamille dazu gekauft. Sie bildet einen wunderbaren Duftrasen mit Apfelduft. Was will man mehr …?

Gerne möchte ich allen zurufen, die dies hier lesen:

LEGT LOS!

GEHT IN DEN GARTEN!

ODER BALKON ODER TERRASSE!

BLEIBT FRÖHLICH UND GESUND!



DURCH DIE BLUME GESAGT ...

Im Prinzip

„Wie himmlisch könnte die Welt sein, wenn die Menschheit etwas anspruchsvoller wäre! Fährt man durch Deutschland, so muß man wirklich sagen: über dem ganzen liegt der Stempel einer sehr schlimmen Art Genügsamkeit und einer sehr geringen Strebsamkeit. Der Sinn für Romantik feinster Art, bei uns Deutschen vermutet und gefeiert, ist überall nur wenig in die Gärten gedrungen. …

… Wie unaussprechlich dankbar begrüßen wir jeden kleinen Ansatz zur Eigenart und zur wirklich gefühlskräftigen Ausnutzung der ungeheuren Möglichkeiten, die selbst in jedem Gartenwinkel schlummern.“

                           Karl Foerster

Herzlichst
Margit Müller-Vorländer


------------------------------------------------------------------------------------------------


Februar

„Man braucht nicht nur schöne Pflanzen, um einen Garten schön zu machen. Ein Zimmer voller schöner Menschen wäre doch auch langweilig.“

Piet Oudolf


ANFANGEN IM FEBRUAR / GARTENARBEIT WIE SIE IM BUCH STEHT …

- Beete nach dem Winter von Blattschichten befreien, so gesehen den Winter
  wegräumen/ ausquartieren

- immer noch Rückschnitt Gehölze, wie schon im Januar
 

UND BEI MIR SO …           

Im Winter zeigen Gärten ihr wahres Gesicht. Ohne das Beiwerk der Blüten und Blätter treten Konturen eines Gartens deutlich in den Vordergrund. Jetzt wird ersichtlich ob ein Garten auf flüchtige Effekte ausgelegt ist oder ob er Tiefe besitzt. Eine bewusst gestaltete Struktur, zum Beispiel durch Hecken zur Raumeinteilung, hat auch im Winter etwas zu bieten. Hier kommt eine ausgewogene Raumwirkung zum Tragen. Zudem bietet das Astgewirr einer dichten Hainbuchenhecke Singvögeln Deckung vor Feinden und Schutz vor den Elementen.

Mit den Naturelementen habe ich es diese Woche besonders zu tun. Ich verbringe mit meinem Mann 1 Woche Urlaub in Holland – statt Karneval in Köln. Ich weiß, man sollte jetzt Niederlande sagen und schreiben, aber für mich bleibt es zur Zeit einfach noch oder nur Holland. Es ist diese Woche besonders stürmisch am Meer. Faszinierend welche Kraft Wind und Wasser haben. Man lässt sich in den Wind fallen und wird gehalten. Und dazu das rauschende Meer. Ein Segen, muss ich sagen, kommt nicht noch das Element Wasser von oben dazu … also Regen.

Falls es die eigentlich permanent wehenden, fegenden Sandstürme nicht verhindern, bleibt mein Blick in der Dünenlandschaft hängen. Wie wunderbar leichtfüßig und im Einklang mit den Windrichtungen sich die Dünengräser bewegen. Welch fließende Bewegungen. Wie eine Choreografie.

Nach unseren täglichen Strandspaziergängen fahren wir an all den vielen kleinen Hollandhäuschen vorbei, die in ihren oft kleinsten Vorgärten auf jeden Fall, Hochstammspaliere gepflanzt haben. Selbst wenn die Tiefe des Vorgartens nur 2 m beträgt. Sieht klasse aus, gerade im Noch-Winter. Es ist genau die Struktur die ich meine in einem übergeordneten Gartenkonzept. Sehr oft werden hier dafür Hainbuchen oder Linden verwendet. Und darunter natürlich vielfältigste Gräserlandschaften, die selbst im Winter gut aussehen. Eben wie am Meer.

Von diesen Inspirationen begleitet fahren wir in 2 Tagen nach Hause, und die Freude im eigenen Garten wieder einzutauchen und rumzuwirbeln wächst von Tag zu Tag mehr. Also bei mir auf jeden Fall … bei meinem Mann bestimmt auch, er ahnt nur noch nichts davon – von seiner Freude und Ungeduld.


 

DURCH DIE BLUME GESAGT …


„Das Schöne am Frühling ist, dass er immer gerade dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht.“

Jean Paul, Schriftsteller


Und noch ein Zitat, weil es die Versunkenheit in den eigenen Garten so schön widerspiegelt:
 

„Das ist ja das Erhebende an der Gartenarbeit: Ich vergaß Zeit, Raum und die Steuererklärung. Im Hier und Jetzt gab es nur noch mich und diesen verdammten Liguster.“

Susanne Wiborg, Journalistin


Herzlichst
Margit Müller-Vorländer


---------------------------------------------------------------------------------------------------


Januar
 
„… möge niemand sich von dem Gedanken, wieviel es noch zu lernen gibt, entmutigen lassen. … denn die ersten Schritte sind Schritte in eine unendlich anziehende, unbekannte Welt hinein … die ersten Erfolge sind Siege, die umso beglückender sind als man sie kaum erwartet hatte, und mit dem wachsenden Wissen wird der Ausblick weiter und weiter, und dazu kommt das tröstliche Gefühl eines stetig wachsenden Gewinns an kritischer Erkenntnis.“
                          Gertrude Jekyll
 
 
ANFANGEN IM JANUAR / GARTENARBEIT WIE SIE IM BUCHE STEHT
 
- Gehölze und Hecken schneiden
- Sommervisionen entwickeln
 
 
UND BEI MIR SO …
 
Winter ist leider nicht meine Lieblingszeit. Das späte Hellwerden. Das frühe Dunkelwerden. Der oftmals undefinierte Himmel, die fehlende Wohlfühlwärme.
 
 


Dennoch: Durch die verschiedenen Jahreszeiten begreifen und erfühlen wir, wie vergänglich Leben ist. Der Winter lässt es uns unvergleichlich anschaulich deutlich begreifen. Die Beete sind oft kahl. Die Neugierde auf das, was kommt und uns blüht, wächst jeden Tag im Januar mehr. Dass ich mich auf ein reiches Frühlingsglück freuen kann, dafür habe ich schon im Herbst gesorgt. Mit der Emsigkeit eines Eichhörnchens verbuddelte ich unzählige Blumenzwiebeln in unserem Vorgarten und dem Garten. Blumenzwiebeln in rauen Mengen zu verbuddeln … das mache ich nicht jedes Jahr. Ist auch nicht nötig. Die Tulpen-, Narzissen- Allium-Zwiebeln etc. bleiben ja alle im Boden. Allerdings ist bei Tulpe und Narzisse jedes Jahr ein Pflanzenverlust von bis zu 1/3 der gesetzten Zwiebeln im Folgejahr normal, und den fülle ich dann ein übers andere Jahr großzügig auf.
 
Jedes Jahr im Januar aber stehe ich mit dem gleichen Unglauben vor meinem Garten und hoffe sehr, dass sich bald die ersten Pflanzen trauen, ein neues Jahr zu starten – trotz Kälte und Lichtmangel. Wenn es die Temperaturen zulassen, gehe ich in den Garten und schneide Gräser und Stauden vom letzten Jahr endgültig zurück, bevor ich sie in ihrem frischen Austrieb verletze. Eine Kanne heißer Tee hilft mir die fehlenden wärmenden Außentemperaturen auszugleichen. Wenn es mir dann trotz heißem Tee und emsigem gärtnern doch zu kalt wird, wechsel ich in mein warmes Büro und lasse Sommervisionen entstehen.
 
Dieses Jahr werde ich ein Stauden-/Gräserbeet neu denken und gestalten. So wie man sich nach vielen Jahren überlegen kann, ein Zimmer in der Wohnung oder im Haus neu zu gestalten. Das macht Freude und verändert die Perspektive auf den vorhandenen Ort.
Und die Herbstastern in dem gedachten Beet haben sich nach 15 Jahren so breit gemacht, dass ich sie jetzt einfach ausquartiere.
 

DURCH DIE BLUME GESAGT …
 
„Ein gutes hat der Schnee. Der eigene Garten sieht genauso hübsch aus wie der des Nachbarn.“
                          Clyde Moore, Gärtner
Herzlichst
Margit Müller-Vorländer


--------------------------------------------------------------------------------------------------

Lust, Leidenschaft, menschliches Glück, Weltkulturen und ein Hauch von Sommer
 
„Als müder Schwimmer in den Wellen der Zeiten überlasse ich mich schließlich der Wogen Bauch, sinke durch Jahrhunderte zu andren Breiten: am Grunde liegen begraben Schloß und Rosenstrauch. Begraben in Schlummer und Zeit, verschlafen und rankenbedeckt, die Steine über und über von Moos befleckt, der Bergfried den Flechten geweiht.“
 
  

So beginnt das Gedicht Sissinghurst, welches Vita Sackville-West, Virginia Woolf widmete. Vitas große Liebe zu Sissinghurst vermag sie auf wunderbare poetische Weise in ihrem Gedicht auszudrücken.
 
Einen Ort beseelen. In Liebe mit sich und dem Ort zu sein. Gärtnern als ein Lebensprojekt zu betrachten. Versuchung, Klarheit, Abschied, Neuanfang, Erschöpfung, Energie, Lust, Glück, Anziehung, Leidenschaft, Drama, Musical, Neugierde, Unentschlossenheit und viel Liebe fließt in dieses lebenslange Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur. Eine Oper in vielen Akten.
 
Giuseppe Verdi (1813-1901) ein leidenschaftlicher Gärtner pflanzte nach Fertigstellung jeder seiner Opern einen Baum auf seinem Landgut Sant Agata. 1859 hätte der Künstler fast das Komponieren zugunsten des Gärtnerns aufgegeben. Er entschied sich dann doch für die Kombination der Künste. Zum großen Glück für alle Opernliebhaber.
 
Nicht jeder ist in der Lage nach jedem beruflichen Erfolg einen Baum zu pflanzen. Jeder ist allerdings in der Lage, wenn er den Reichtum und Lebenswert eines Gartens begriffen hat, die vielen Momente des Glücks über das eigene kleine Paradies zu celebrieren.
 
Derek Jarman (britischer Maler und Filmemacher) kaufte sich 1986 ein Grundstück auf der Halbinsel Dungeness. Eine Fischerkate aus Holz, schwarz geteert mit kanariengelben Sprossenfenstern. Mit der Gewissheit, dass er angesichts seiner Krankheit Aids in absehbarer Zeit sterben würde, legte er einen Garten um dieses Haus herum an. Dungeness, südwestlich von Dover, ist eine Kieswüste in Nachbarschaft mit einem Atomkraftwerk. Surreal, extrem, bizarr.
 
 


Für mich ist die Entstehung dieses Gartens eine der bewegendsten Gartengeschichten. Mit Achtsamkeit, Sorgfalt und Eigensinn, ganz nah bei sich, erschuf er in dieser Einöde, eine Oase der Schönheit. Eine Hommage ans Leben.
 
In sämtlichen Weltkulturen drückt sich vollkommenes Glück im Erschaffen eines Gartens aus. Das Gärtnern in meinem Garten gibt mir Leichtigkeit, Intensität und das Gefühl ein Glückskind zu sein. Ich fand den Ort, mit dem ich größtes Wohlbefinden verbinde. Dieses Glück teile ich das eine oder andere Mal gerne mit Freunden. Laue Sommerabende mit Rotwein und einem Kerzenmeer. Beseeltes Plaudern beim Teetrinken. Abende vorm Feuertopf, den Blick gebannt auf das magische Feuer.
 
Das pralle Leben spiegelt sich im Garten, wenn man den Mut hat sich zu öffnen und den Blick zu weiten. Dann wirkt der eigene Garten anziehend und weckt Neugierde für den sich einlassenden Betrachter.
 
Und um es mit den Worten von Harold Nicholson (Gärtner, Politiker und Ehemann von Vita Sackville-West) abzuschließen:
 
„Ich gebe zu, dass Versailles, Courances und Villandry beispiellose Errungenschaften der architektonischen Schule des Gartenbaus sind. Dennoch sollte ein Garten zum Vergnügen des Besitzers da sein, nicht zum Prahlen. Niemand könnte mit seiner Familie in der Parterreanlage von Versailles sitzen, gemütlich die Zeitung lesen und dabei Tee trinken. Niemand, dem Blumen ernsthaft etwas bedeuten, kann ernsthaft wollen, dass man sie in Mustern anordnet wie Teppiche aus Shiraz oder Isfahan. Die meisten zivilisierten Menschen bevorzugen den Schatten eines lieben alten Baums vor dem Prunk einer Parterreanlage, die ihre Muster unter freiem Himmel zur Schau stellt.“
 
Herzlichst
Margit Müller-Vorländer


Benutzername:
User-Login
Ihr E-Mail
*