Kolumnen


Januar
 
„… möge niemand sich von dem Gedanken, wieviel es noch zu lernen gibt, entmutigen lassen. … denn die ersten Schritte sind Schritte in eine unendlich anziehende, unbekannte Welt hinein … die ersten Erfolge sind Siege, die umso beglückender sind als man sie kaum erwartet hatte, und mit dem wachsenden Wissen wird der Ausblick weiter und weiter, und dazu kommt das tröstliche Gefühl eines stetig wachsenden Gewinns an kritischer Erkenntnis.“
                          Gertrude Jekyll
 
 
ANFANGEN IM JANUAR / GARTENARBEIT WIE SIE IM BUCHE STEHT
 
- Gehölze und Hecken schneiden
- Sommervisionen entwickeln
 
 
UND BEI MIR SO …
 
Winter ist leider nicht meine Lieblingszeit. Das späte Hellwerden. Das frühe Dunkelwerden. Der oftmals undefinierte Himmel, die fehlende Wohlfühlwärme.
 
 


Dennoch: Durch die verschiedenen Jahreszeiten begreifen und erfühlen wir, wie vergänglich Leben ist. Der Winter lässt es uns unvergleichlich anschaulich deutlich begreifen. Die Beete sind oft kahl. Die Neugierde auf das, was kommt und uns blüht, wächst jeden Tag im Januar mehr. Dass ich mich auf ein reiches Frühlingsglück freuen kann, dafür habe ich schon im Herbst gesorgt. Mit der Emsigkeit eines Eichhörnchens verbuddelte ich unzählige Blumenzwiebeln in unserem Vorgarten und dem Garten. Blumenzwiebeln in rauen Mengen zu verbuddeln … das mache ich nicht jedes Jahr. Ist auch nicht nötig. Die Tulpen-, Narzissen- Allium-Zwiebeln etc. bleiben ja alle im Boden. Allerdings ist bei Tulpe und Narzisse jedes Jahr ein Pflanzenverlust von bis zu 1/3 der gesetzten Zwiebeln im Folgejahr normal, und den fülle ich dann ein übers andere Jahr großzügig auf.
 
Jedes Jahr im Januar aber stehe ich mit dem gleichen Unglauben vor meinem Garten und hoffe sehr, dass sich bald die ersten Pflanzen trauen, ein neues Jahr zu starten – trotz Kälte und Lichtmangel. Wenn es die Temperaturen zulassen, gehe ich in den Garten und schneide Gräser und Stauden vom letzten Jahr endgültig zurück, bevor ich sie in ihrem frischen Austrieb verletze. Eine Kanne heißer Tee hilft mir die fehlenden wärmenden Außentemperaturen auszugleichen. Wenn es mir dann trotz heißem Tee und emsigem gärtnern doch zu kalt wird, wechsel ich in mein warmes Büro und lasse Sommervisionen entstehen.
 
Dieses Jahr werde ich ein Stauden-/Gräserbeet neu denken und gestalten. So wie man sich nach vielen Jahren überlegen kann, ein Zimmer in der Wohnung oder im Haus neu zu gestalten. Das macht Freude und verändert die Perspektive auf den vorhandenen Ort.
Und die Herbstastern in dem gedachten Beet haben sich nach 15 Jahren so breit gemacht, dass ich sie jetzt einfach ausquartiere.
 

DURCH DIE BLUME GESAGT …
 
„Ein gutes hat der Schnee. Der eigene Garten sieht genauso hübsch aus wie der des Nachbarn.“
                          Clyde Moore, Gärtner
Herzlichst
Margit Müller-Vorländer




Lust, Leidenschaft, menschliches Glück, Weltkulturen und ein Hauch von Sommer
 
„Als müder Schwimmer in den Wellen der Zeiten überlasse ich mich schließlich der Wogen Bauch, sinke durch Jahrhunderte zu andren Breiten: am Grunde liegen begraben Schloß und Rosenstrauch. Begraben in Schlummer und Zeit, verschlafen und rankenbedeckt, die Steine über und über von Moos befleckt, der Bergfried den Flechten geweiht.“
 
  

So beginnt das Gedicht Sissinghurst, welches Vita Sackville-West, Virginia Woolf widmete. Vitas große Liebe zu Sissinghurst vermag sie auf wunderbare poetische Weise in ihrem Gedicht auszudrücken.
 
Einen Ort beseelen. In Liebe mit sich und dem Ort zu sein. Gärtnern als ein Lebensprojekt zu betrachten. Versuchung, Klarheit, Abschied, Neuanfang, Erschöpfung, Energie, Lust, Glück, Anziehung, Leidenschaft, Drama, Musical, Neugierde, Unentschlossenheit und viel Liebe fließt in dieses lebenslange Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur. Eine Oper in vielen Akten.
 
Giuseppe Verdi (1813-1901) ein leidenschaftlicher Gärtner pflanzte nach Fertigstellung jeder seiner Opern einen Baum auf seinem Landgut Sant Agata. 1859 hätte der Künstler fast das Komponieren zugunsten des Gärtnerns aufgegeben. Er entschied sich dann doch für die Kombination der Künste. Zum großen Glück für alle Opernliebhaber.
 
Nicht jeder ist in der Lage nach jedem beruflichen Erfolg einen Baum zu pflanzen. Jeder ist allerdings in der Lage, wenn er den Reichtum und Lebenswert eines Gartens begriffen hat, die vielen Momente des Glücks über das eigene kleine Paradies zu celebrieren.
 
Derek Jarman (britischer Maler und Filmemacher) kaufte sich 1986 ein Grundstück auf der Halbinsel Dungeness. Eine Fischerkate aus Holz, schwarz geteert mit kanariengelben Sprossenfenstern. Mit der Gewissheit, dass er angesichts seiner Krankheit Aids in absehbarer Zeit sterben würde, legte er einen Garten um dieses Haus herum an. Dungeness, südwestlich von Dover, ist eine Kieswüste in Nachbarschaft mit einem Atomkraftwerk. Surreal, extrem, bizarr.
 
 


Für mich ist die Entstehung dieses Gartens eine der bewegendsten Gartengeschichten. Mit Achtsamkeit, Sorgfalt und Eigensinn, ganz nah bei sich, erschuf er in dieser Einöde, eine Oase der Schönheit. Eine Hommage ans Leben.
 
In sämtlichen Weltkulturen drückt sich vollkommenes Glück im Erschaffen eines Gartens aus. Das Gärtnern in meinem Garten gibt mir Leichtigkeit, Intensität und das Gefühl ein Glückskind zu sein. Ich fand den Ort, mit dem ich größtes Wohlbefinden verbinde. Dieses Glück teile ich das eine oder andere Mal gerne mit Freunden. Laue Sommerabende mit Rotwein und einem Kerzenmeer. Beseeltes Plaudern beim Teetrinken. Abende vorm Feuertopf, den Blick gebannt auf das magische Feuer.
 
Das pralle Leben spiegelt sich im Garten, wenn man den Mut hat sich zu öffnen und den Blick zu weiten. Dann wirkt der eigene Garten anziehend und weckt Neugierde für den sich einlassenden Betrachter.
 
Und um es mit den Worten von Harold Nicholson (Gärtner, Politiker und Ehemann von Vita Sackville-West) abzuschließen:
 
„Ich gebe zu, dass Versailles, Courances und Villandry beispiellose Errungenschaften der architektonischen Schule des Gartenbaus sind. Dennoch sollte ein Garten zum Vergnügen des Besitzers da sein, nicht zum Prahlen. Niemand könnte mit seiner Familie in der Parterreanlage von Versailles sitzen, gemütlich die Zeitung lesen und dabei Tee trinken. Niemand, dem Blumen ernsthaft etwas bedeuten, kann ernsthaft wollen, dass man sie in Mustern anordnet wie Teppiche aus Shiraz oder Isfahan. Die meisten zivilisierten Menschen bevorzugen den Schatten eines lieben alten Baums vor dem Prunk einer Parterreanlage, die ihre Muster unter freiem Himmel zur Schau stellt.“
 
Herzlichst
Margit Müller-Vorländer


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